VIII BEGEGNUNG MIT ROSENKATZE
Ich nahm die Einladug von König Adoberto in die Hand, drehte sie, betrachtete im Licht und sah ein Wasserzeichen. Es war ein Kreis, der sich um die eigene Achse drehte und andauernd seine Farbe änderte. Zuerst wurde er blau, später violett, danach wurde er goldfarben. Plötzlich öffnete sich eine wunderbare Blüte, die im Inneren beschriftet war. Dort konnte ich lesen:"Nimm dir Zeit".
In diesem Moment musste ich laut auflachen, denn ich überlegte, was ich zum königlichen Empfang anziehen soll. Ich stand ziemlich ratlos vor dem Kleiderschrank und ... plötzlich hörte ich ein freundliches Lachen. Das feine Aroma von Zimt, das mit Rosenduft verfeinert war, breitete sich aus. Ich wusste sofort, dass die unsichtbare Rosenkatze zu Besuch kam.
"Guten Abend", begrüßte ich sie freundlich.
"Guten Abend", antwortete lachend die unsichtbare Katze. "Wie ich sehe, brauchst du Hilfe", fügte sie hinzu.
"Unbedingt", antwortete ich ziemlich unglücklich. "Ich weiß nicht was ich zu dem Empfang anziehen soll".
"Eigentlich ist jeder Gast so angezogen wie er mag, wobei die Festkleidung üblicherweise bevorzugt wird", meinte lakonisch die Rosenkatze.
"Was ziehen die Frauen an ?", fragte ich. "Sind es etwa lange festliche Kleider oder eher elegante Kostüme ?", wollte ich unbedingt wissen.
"Hast du die Einladung überhaupt gelesen ?", fragte mich die unsichtbare Rosenkatze ziemlich gelassen.
"Nein", antwortete ich überrascht.
"Dann tue es bitte", meinte lachend die Rosenkatze.
Ich nahm die Einladung, öffnete sie und dann wurde mir klar, warum die Rosenkatze lachte. In der Einladung stand weder die Uhrzeit noch der Ort, wo der Empfang stattfinden sollte.
Ich stand da und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte.
"Siehst du", sagte die Rosenkatze, "du machst dir viel zu viele Gedanken. Erst wenn Datum und Uhrzeit sowie der Ort des Empfangs bekannt sind, wo der Empfang stattfindet, dann kannst du in Ruhe alles vorbereiten".
"Wozu möchtest du alles im Voraus planen ?", fragte mich die unsichtbare Rosenkatze.
"Es ist doch üblich zu planen", antwortete ich.
"Im Voraus zu planen ohne Zeit und Ort zu kennen nützt doch gar nichts", antwortete sehr weise die unsichtbare Rosenkatze .
"Es soll heißen", vergewisserte ich mich, "dass die Uhrzeit sowie der Ort irgendwann sichtbar werden".
"Selbstverständlich", meinte die unsichtbare Rosenkatze," wie sonst sollte der königliche Empfangsbeauftragte alles planen ?", fragte sie mich erstaunt." So kann er die Termine immer den Umständen entsprechend anpassen und die besten Empfänge aller Empfänge vorbereiten sowie die dazugehörigen Überraschungsreisen".
"Überraschungsreisen ?", fragte ich, noch mehr überrascht.
"Selbstverständlich", meinte die Rosenkatze und lächelte freundlich in der Luft schwebend.
"Was für Überraschungsreisen ?", fragte ich, wobei ich bereits wusste, dass die Antwort der Rosenkatze nichts verraten wurde, denn sonst wäre es keine Überraschung.
"Wie ich sehe", bestätigte die Rosenkatze, "kennst du die Antwort ".
Sie lachte wieder, verursachte einige Wirbel in der Luft und verschwand.
"Gut, dann gehe ich jetzt Kuchen backen", sagte ich laut zu mir.
"Welchen ?", hörte ich eine leise Frage.
Ich schaute mich um, aber niemand war da. Dann sah ich einen grünen, sehr freundlichen Hundekopf mit wilder Mähne.
Tiglio der Siebte
"Wer bist du ?", fragte ich.
"Ich bin ein Gourmet", antwortete der grüne Hund und blinzelte mit fast violetten Augen.
"Ein Gourmet, der gerne Gutes isst", lachte ich.
"Das stimmt", hörte ich.
Die Rosenkatze kam, setzte sich zu uns und lächelte freundlich bevor sie zu erzählen anfing.
"Dieser Gourmet sorgt dafür, dass Kuchen, Torten, Plätzchen oder Süßigkeiten verschwinden. Er ist ein bekannter Tortenschlucker. Er hat sogar die festliche Torte, die für die königliche Hochzeit gebacken wurde, alleine aufgegessen. Diese Torte mussten 30 Konditoren zwei Tage vorbereiten. Es gab mehrere Geschmacksschichten wie Zitrone mit Fitiosaft, Glimp mit Haselnußtrauben, Kakao mit Pfirsichblütensirup, Himbeeren mit Rosenhonig und meine Lieblingssorte Winterkrokant mit Zimtrosinen", erzählte die Rosenkatze in einem Atemzug. "Die Torte war fast 3 Meter groß und wurde gehütet wie ein Augapfel, trotzdem hat der grüner Hund es geschafft alles alleine aufzuessen".
"Das glaube ich nicht", sagte ich. "Dieser netter Hund sollte so viel essen ? Unmöglich", behauptete ich standfest.
"Du denkst immer mit menschlichen Maßstäben", lachte die Rosenkatze sichtlich vergnügt.
"Du denkst, dass der Hund, der so freundlich ist, so wie ein gewöhnlicher Hund ein Hundenapf oder zwei leer fressen kann", lachte die Rosenkatze vergnügt.
"Eigentlich ja", bestätigte ich.
"Dieser Hund namens "Tiglio der Siebte" gehört zu der Familie der Meisterschlucker, die dafür bekannt sind Essensberge zu verdrücken. Sein Onkel "Tiglio der Dritte" auch der "Superschlucker" genannt, hat ein königliches Staatsbankett ruiniert, weil er alles, wirklich alles, alleine aufgegessen hat. Dort gab es Essen für über 400 königliche Gäste".
"So etwas ist unmöglich. Wie schaffen es diese Hunde ?", fragte ich erstaunt.
"Das frage ich mich manchmal auch", meinte die Rosenkatze lachend. "Man munkelt, dass die grünen Hunde über 500 Mägen haben und deswegen alles aufessen können".
"Wie hütet man sich von den grünen Hunden ?", fragte ich.
"Eigentlich ist es ganz einfach", lachte die Rosenkatze vergnügt. "Sie sind Gourmethunde. Sie suchen immer nach exquisiten Gerichten und wenn sie solche nicht finden, dann verschwinden sie".
Der grüner Hund schaute mich an und bestätigte es mit einem Nicken.
Es entstand eine Pause.
Der grüne Hund verstand meine Bedenken und verschwand genauso plötzlich wie er gekommen war.
Die Rosenkatze lachte vergnügt.
"Denk nicht, dass der grüne Hund dich vergessen wird. Er kommt plötzlich und..." wollte die Rosenkatze hinzufügen, aber der hörten wir lautes Niesen.
"Gesundheit", sagte ich.
"Totongo", sagte die Rosenkatze.
"Es ist üblich „totongo“ zu den Niesern sagen", erklärte die Rosenkatze wohlwissend, dass ich sie fragen werde.
"Niesern"?, fragte ich überrascht.
"Kennst du die Nieser nicht", fragte mich kleine schwarze Maus mit roten Ohren und einem langen schwarzen Rüssel.
"Nein", antworte ich und musste dabei lachen.
Die kleine Maus sah ulkig aus.
Ein Nieser
"Lass dich nicht von der äußeren Erscheinung täuschen", ermahnte mich die Rosenkatze."Die Nieser sind als Berater im königlichen Haus tätig und deswegen sehr geschätzt".
"Als Berater wofür ?", fragte ich ernsthaft, wobei es mir wirklich schwer fiel. Denn die roten Ohren waren enorm groß und bewegten sich rhytmisch.
"Sie sorgen dafür, dass die Gerüchte, die dem Königshaus schaden könnten, schnell erfasst und beseitigt werden", erklärte die Rosenkatze. Ihre Ohren sind so empfindlich, dass sie alle existierenden Frequenzen erfassen können und genau wissen worüber gesprochen wird. Sie sorgen dafür, dass Tratschmäuler und Gerüchteverwerter immer die Wahrheit erfahren und so keinen Raum für Gerüchte haben. Nur die Wahrheit kann die Gerüchte endgültig aus der Welt schaffen", belehrte mich die Rosenkatze.
Ich schaute den kleinen Nieser an. Er lächelte sehr freundlich alle an. Dann nieste er erneut und verschwand.
"Schade, dass er weg ist", meinte ich.
"Wäre er geblieben, dann bedeutete es, dass es Gerüchte bei dir gibt", antwortete die die Rosenkatze. " Das laute Niesen zeigt, dass der Raum gerüchtefrei ist".
"Welche Gerüchte sollte es bei mir geben ?", fragte ich erstaunt.
"Da du die königliche Einladung erhalten hast, bist du eine mögliche Gerüchtequelle", antwortete die Rosenkatze. "Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme und Routine. Wenn ein lautes Niesen gehört wird, sagen alle :„Totongo“ und freuen sich, dass Gerüchte keinen Paltz einnehmen konnten".
"Ich verstehe es nicht", sagte ich. "Warum muss ein Nieser kommen, wenn du als Rosenkatze es doch bereits weiss".
"Die Rosenkatzen sind an Gerüchten nicht interessiert", antwortete die Rosenkatze etwas überrascht "obwohl wir die Gerüchte kennen, beschäftigen wir uns nicht damit. Wir kennen die unausgesprochenen Geheimnisse, die keiner kennt. Warum sollten wir uns mit Gerüchten beschäftigen ?" fragte sie mich und verschwand.
"Nur die Wahrheit kann die Gerüchte aus der Welt schaffen", hallte es erneut.
Dann hörte ich leises Lachen in der Luft. Die unsichtbare Rosenkatze lachte erneut und verschwand.
Auf einmal ist es still geworden. Ich nahm die Einladung kurz in die Hand. Die Blüte mit der Innenschrift war bereits geschlossen. Das Wasserzeichen wechselte seine Farben.
"Nimm dir Zeit", so lautete die Innenschrift.
A.H. am 30.11.2008