"Wieso muss ich mich immer wieder an den Empfang im königlichen Palast erinnern?", dachte ich. "Die wunderbaren Gäste mit interessanten Geschichten, einmalige Stimmung, Kerzen, die Rosenduft ausströmten, Vanilleeis mit Orangenkrokant, exzellente grüne Pistazienkekse mit Sahnhäubchen...
Es war einfach wunderbar. Ich habe so viele nette Gäste kennengelernt und mich köstlich amüsiert".
Ich schwärmte weiter.
"Guten Abend", hörte ich.
"Guten Abend", antwortete ich der Wüstenkatze.
Sie kam ganz nah an mich heran. So konnte ich ihren wunderbaren Rosenduft riechen.
"Magst du Rosenduft ?", fragte sie mich.
"Ich mag Düfte", sagte ich. "Düfte wie der Rosenduft oder Vetiverduft, Eisenkrautduft, Lavendel, Zimt, Neroli ...", fing ich an zu erzählen.
Die Wüstenkatze lachte vergnügt und behauptete standfest: "Ich habe es erwartet !"
"Warum fragst du ?", wollte ich unbedingt wissen.
"Es ist an der Zeit, dass du mehr über die Düfte und ihre Wirkung erfährst. Deswegen habe ich den bekanntesten Maestro der Düfte eingeladen", sagte die Wüstenkatze.
In diesem Moment hörte ich die Türklingel, stand auf und ging zur Tür um zu öffnen. Die Wüstenkatze begleitete mich.
Ein seltsamer Mann stand vor der Tür. Er war rötlich mit dunkler Tunika angezogen und hatte einen großen gelben handgestrickten Schall um seinen Hals gewickelt.
"Guten Abend", begrüßte ihn höflich die Wüstenkatze.
"Guten Abend", antwortete der Mann und nieste sehr, sehr laut.
Ich drehte mich zu der Wüstenkatze.
"Wie ist es möglich?", fragte ich sie.
"Maestro ist bekannt für sein lautes Niesen", erklärt mir sehr leise die Wüstenkatze.
"Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Prof. Dr. Eduardo Canigó, den man auch der Maestro der Düfte nennt", stellte sich der fremde Mann vor und übergab mir seine Visitenkarte.
Diese entwickelte in meiner Hand einen wunderbaren, bezaubernden Duft. Ich konnte so viele Duftnuancen herausriechen. Der Duft stieg mir in die Nase und umgarnte mich. Es war einfach einmalig, wie schnell ich alle Bedenken losließ und sagte freundlich : "Bitte kommen Sie herein".
Der Mann kam herein, zog seinen gelben Schal aus, öffnete die Tunika und ich sah einen großen hellgelben Vogel mit Kopffeder.
"Hier ist mein philosophischer Vogel", erklärte der Professor ruhig.
"Guten Abend", hörte ich den Vogel sprechen. „Sprechen, es war eigentlich ein falsches Wort. Ich hörte eigentlich den Vogel krächzen. "Gestern waren wir noch in der Wüste des Fünften Planeten im IKK System", sagte der seltsame Vogel mit dem wunderbaren englischen Oxford Akzent."Es waren 45 Grad im dunklen Schatten, im hellen Schatten waren es fast 70 Grad, in der Sonne waren es bestimmt 84 Grad", erklärte der philosophische Vogel gewissenhaft.
Dabei bewegte er seinen langen Schnabel und die Kopffeder bewegte sich hin und her.
"Wir waren auf der Suche nach der Drigoblume", krächzte der philosophische Vogel weiter unbeirrt." Drigoblumen sind ziemlich bekannt und eigentlich nicht ungewöhnlich, aber die besondere blaue Dringoblume findet man nur im IKK System. Die besagte Blume blüht nur dann wenn es vorher mindestens 3 Tage geschneit hatte. Die Samen der Dringoblume sind mit harter Schale umgeben, so dass nur der ungewöhnlich starke Temperaturenunterschied sie platzen lassen kann. Die Samen werden danach blau und fangen an zu wachsen. Es dauert fast 12 Jahre bis die Pflanzen ausgewachsen sind. Diese besondere Dringoblume blüht nur bei doppelten Vollmond. Sie blüht hellblau und duftet leicht schwefelig. Sie wird insbesondere von den Stammanesgehörigen der Tfango Planten gemocht"
"Schwefeliger Geruch ist doch eklig", sagte ich. "Verfaulte Eier riechen doch nicht gut. Wer würde so einem Geruch mögen ?", fragte ich laut.
"Der schwefelige Duft lockt die schönsten Insekten, wie die Winterschmetterlinge mit dekorativen gelben Flügeln oder die einmaligen Dridri mit roten Flügeln, die wunderbare Melodien rotieren oder die begehrten blauen Frösche, die zu Verlobung geschenkt werden"
"Es reicht nicht darüber zu sprechen", erklärte Professor Canigó und zeigte mir einige Bilder.
Ich musste lachen, denn ich sah absolut nichts.
"Oh", sagte der Professor, "es liegt an der Tinte, die nur im roten Licht sichtbar ist".
So nahm er seinen Umhang und holte eine dünne Kiste hervor. Diese öffnete er sehr vorsichtig und auf einmal wurde alles leicht rötlich gefärbt. Dann nahm er die Bilder in die Hand und übergab sie mir erneut. Tatsächlich sah ich die Winterschmetterlinge mit den gelben Flügel, die Dridri und dann die blauen Frösche.
Da musste ich laut lachen.
Die blauen Fröschen sahen lustig aus. Sie haben tatsächlich ein breites Lachen im Gesicht und Zähne; viele weiße Zähne waren sichtbar.
"Ich sah noch nie Frösche mit Zähnen", sagte ich belustigt.
"Vermutlich werden die Frösche genauso lachen, wenn ich dein Foto zeigen würde. Sie haben noch nie Menschen mit Haaren auf dem Kopf gesehen", antwortete der Professor ernsthaft.
Ich schaute den Professor kurz an und mir wurde klar warum. Dieser hatte eine Glatze, die rötlich glänzte. Nur seitlich waren einige verbliebene Haare sichtbar.
Die blauen Frösche
"Wieso sind die blauen Frösche so begehrt?", fragte ich.
"Sie lachen gerne und die Kinder lieben sie sehr. Sie werden als Verlobungsgeschenk von der Schwiegermutter an die junge Ehefrau gegeben", krächzte der philosophische Vogel zufrieden." Wenn die Kinder geboren werden, sind die blauen Frösche die ständigen Begleiter der Kinder. Diese unterhalten sich mit Fröschen und lernen lachen. Die Schwiegermutter kann dann getrost mit Freundinnen verreisen, Bongofrüchte in der Wüste suchen oder in Ruhe lesen".
"Eigentlich sind die blauen Frösche unentbehrlich, denn sie sorgen für gute Sprachkenntnisse der Kinder", fügte Professor Canigó hinzu.
"Die Frösche sind sprachbegabt. Sie sprechen mindestens 20 verschiedene gesprochene Sprachen und beherrschen noch die 5 gängigen lautlosen Sprachen", sprach der philosophische Vogel und fing an zu springen.
Es war seltsam anzusehen. Er sprang von links nach rechts, dann drehte er sich, dann sprang er wieder nach vorne.
"Wieso macht er das?" fragte ich erstaunt " braucht er etwa Medizin?"
"Oh, nein", antwortete Professor Canigó " er zeigt gerade die lautlose Sprache der Vögel namens Fopü aus dem Flikolp Archipel, ganz nah am Eopsu See".
Dann sprang er selber zwei Schritte nach links, dann drehte sich und sprang nach hinten. Dabei hat er fast den Stuhl gestreift, ist weiter nach hinten gerutscht und fiel auf den Boden.
"Oh", hörte ich den philosophischen Vogel krächzen " wie viele Male habe ich erzählt, dass eine derartige Sprachvorführung geübt werden muss. Die lautlose Sprache verlangt nach Übung wie jede andere Sprachart auch".
Während der philosophische Vogel sprach, eilte ich um dem armen Professor zu helfen. Seine Gesichtsfarbe änderte sich, wurde plötzlich dunkelviolett und Professor fing an dicker und dicker zu werden, bis er schließlich wie ein Ballon nach oben stieg. Ich schaute ihn sprachlos an.Weder die Wüstenkatze noch sein philosophischer Vogel waren erstaunt. So kreiste er an der Zimmerdecke herum, stieß die Zimmerlampe an und kam sehr langsam hinunter. Seine Gesichtsfarbe änderte sich wieder und er selbst wurde dünner.
"So etwas habe ich noch nie gesehen", sagte ich erstaunt.
Der Professor lächelte mich kurz an und mir wurde klar, dass er einige wunderbare, weit bessere Fähigkeiten besaß.
"Nun, kommen wir zu den Düften", sagte der Professor
"Ihre Visitenkarte duftete wunderbar", sagte ich.
"Selbstverständlich", entgegnete der Professor "Es ist meine Visitenkarte, die mir die Türe öffnet. Der gute Koch kocht sich in die Herzen der Kunden, der Konditor bäckt wunderbare, köstliche Kuchen, die Glücksgefühle bereiten, der Schuster macht bequeme Schuhe und sorgt für einen leichten Gang der dankbaren Kunden. Ich sorge für wunderbare Dufterlebnisse, die Frauen schöner und ansprechender machen und die Männer Mut und Stärke verleihen. Ich sorge mit meinen Düften für die Erweckung verborgener Fähigkeiten", erklärte der Professor.
"Das ist interessant", sagte ich "so kann man einen schüchternen Menschen dazu bringen mutig zu sein oder einen faulen fleißig".
"So einfach ist es leider nicht", antwortete der Professor "jeder von uns braucht eine andere Duftkombination um die gewünschte Wirkung zu erzielen".
"Oh, ja", bestätigte krächzend der philosophische Vogel. "Ich erinnere mich an Prinzessin Klargilda Osimonda Linda, die wirklich nicht schön war. Im Wahrheit war sie erstaunlich hässlich für eine Frau aus der königlichen Familie der Oklo Klasse. Die Frauen haben dort wunderbare große Ohren, hellblaue Lippen und lila Zähne. Hier würde man sagen, sie sind nicht schön, aber in der gelben Wüstenlandschaft der 3 Planeten der F-Klasse, wo die Mücken anstatt zu stechen wunderbare Melodien singen, wo die Bäume mit violetten Früchten wachsen, wo kein Wasser fließt und alle sich von Früchten ernähren, dort sind die Frauen mit blassvioletter Körperfarbe die schönsten. Die Prinzessin Klargilda hatte kleine Ohren, war rosa und hatte normale rosa farbene Lippen. Eigentlich sah sie so aus, wie eine wunderschöne Frau auf der Erde. Für sie hat der Professor einen wunderbaren Rosenduft kreiert. Alle Angehörigen der königlichen Familie waren enttäuscht. Der Rosenduft war für sie eigentlich unerträglich", krächzte der philosophische Vogel. Dann hustete er und fing an weiter zu erzählen.
"Der Professor erklärte Ihnen, dass dieser Duft eigentlich eine Medizin sei. In Wirklichkeit wusste er, dass die junge Frau niemals Gefallen in den Augen der einheimischen Männern finden kann. So mischte er ihr den Rosenduft und empfahl ihr eine Reise zu den weißen Schleimhäuten, wo sich die berühmten heilenden Moorquellen befanden. Dort traf sie einen wunderbaren jungen Forscher, der sie bewunderte. Er bewunderte ihre rosigen Wangen, ihre rosa Lippen und vor allem ihre kleinen Ohren. Er war entzückt von dem Rosenduft, der sie immer umgab", fügte der philosophische Vogel hinzu.
"Ja, ja", seufzte der Professor, "wenn ich jünger wäre...." dachte kurz nach und erzählte weiter: " Die beiden sind glücklich verheiratet und haben wunderbare Kinder bekommen".
"Warum wurde sie nicht so geboren wie andere Kinder auch mit großen Ohren und blauen Lippen?" fragte ich.
"Sie ist als Kind in der Wüste gefunden worden", erklärte mir die Rosenkatze.
"Wie denn?", fragte ich, "spielte sie dort alleine mit Sand ?" versuchte ich lustig zu sein.
"Nein", lachte die Wüstenkatze " wie ich sehe möchtest du alles genaustens erfahren". Dann fügte sie hinzu: " Ihre Eltern waren junge Forscher auf der Suche nach neuen Sandarten. Sie suchten den begehrten Jinissand, der in der Nacht leuchtet, weil er die Tageswärme gespeichert hat. So leuchtet er in der Nacht grünlich oder gelblich. Die beiden suchten aber nach der noch unbekannten Sandsorte, die strahlend weiß leuchtet. Ihre kleine Tochter haben sie in Obhut der befreundeten Familie gelassen. Sie waren ein paar Monate unterwegs gewesen und als sie zurückkehrten war die Familie weg und ihre kleine Tochter auch"
"Was ist passiert?", fragte ich.
"Die Familie ist mit der Kleinen ausgewandert. In der neuen Heimat hatten sie Pech. Es gab eine Überschwemmung und sie haben ihr Hab und Gut verloren. Dann wurde ihre eigene kleine Tochter krank. Der Mann fing an zu hinken. Die Frau wurde sehr wütend. An der Situation gaben Sie der kleinen Emma die Schuld. So nahm sie diese an die Hand und ging mit ihr weit weg in die Wüste. Dann, ist sie während Emma von Müdigkeit eingeschlafen ist leise weggegangen."
"Wie ungeheuerlich", sprachen wir alle." Ich wusste gar nichts darüber," sagte der Professor sehr traurig.
"Unmöglich", bestätigte der philosophische Vogel.
"Woher kennst du die Geschichte?", fragte der Professor.
"Ich bin eine Wüstenkatze", entgegnete die Wüstenkatze gelassen. "Ich gehöre zu den Rosenkatzen"
"Ich habe gehört, dass die Rosenkatzen alle Geheimnisse kennen, die großen und die kleinen. Sie kennen sogar die Geheimnisse, die wir nicht einmal zu träumen wagen", sagte Professor Canigó. "Stimmt es wirklich?", fragte er entsetzt und ging einen Schritt zurück.
Die Wüstenkatze entgegnete nichts und schaute ihn mit wunderbaren gelben Augen an.
Dann lächelte sie freundlich und beendete die Geschichte.
"Die kleine Emma wachte auf und es befand sich niemand in ihrer Nähe. Da sie keine Angst hatte alleine zu sein und genauso mutig wie ihre Eltern war, ist sie laut singend weiter gegangen. Ihren Gesang trug der Wind durch die Wüste zu den Ohren des alten Königs."
"So hat er sie gefunden und adoptiert", ergänzte ich gutmeinend die Geschichte .
"Der alter König war von dem Gesang krank, in seinen Ohren ein abscheulicher Klang", lachte vergnügt die Wüstenkatze.
"Jemand der Mückengesang als wohltuend empfindet, wird enorm genervt sein, wenn andere Stimmfrequenzen seine empfindliche Ohren verletzen. So gab er den Befehl, die Ursache des Gebrülls schnellstens zu beseitigen, denn sonst würde er taub werden. Seine große Ohren brauchten unbedingt Ruhe. Die Suchkolonne fand das kleine blasse Mädchen und brachte es dem König. Der König glaubte seinen Augen nicht. Er stellte sich ein Ungeheur vor, mit großem Maul und schrecklichen Zähnen. Statt dessen kam ein kleines blassrosa Mädchen mit Zöpfen. Er war zuerst erstaunt. Dann fing er laut zu lachen. Er lachte immer lauter und lauter bis er schließlich von dem lauten Lachen erschöpft war und gemütlich einschlief."
"Dann hat er die kleine Emma adoptiert", sagte ich hoffnungsvoll.
"Die Emma war zwar gerettet, aber kein König wird ein fremdes Mädchen adoptieren", sagte die Wüstenkatze ernsthaft.
"Die Geschichte, warum Emma adoptiert wurde, erzähle ich bei unserem nächsten Treffen", fügte sie hinzu und wollte weggehen.
Der Maestro schaute sie mit Angst in den Augen an.
"Du kennst wirklich alle Geheimnisse", fragte er mit leicht zitternder Stimme.
"Unsere Aufgabe ist es alle Geheimnisse zu erfahren und wir tun er gerne", entgegnete die Wüstenkatze."Wir verraten sie niemanden", fügte sie hinzu.
Der Maestro war sichtlich erleichtert.
"Unsere Geheimnisse bestimmen wir selbst. Nur wir selbst können die Geheimnisse verändern", sagte die Wüstenkatze mit Nachdruck.
Sie schaute kurz den Professor an und verschwand.
"Unsere Geheimnisse bestimmen wir selbst. Nur wir selbst können unsere Geheimnisse verändern", hallte es aus der Luft.
Also doch, die unsichtbare Rosenkatze war dabei gewesen. Ich roch den Rosenduft mit Zimt gemischt und hörte sie leise lachen. Professor Canigó war plötzlich mit Tunika und Schal angezogen und verabschiedete sich höflich, aber bestimmt.
"Ich habe seine Visitenkarte und kann ihn jederzeit erreichen", sagte er zum Abschied.
Der philosophische Vogel winkte mir höflich.
Ein lustiges Lachen erklang in der Luft. Dann wurde es still. Ich setze mich und fand auf dem Tisch ein Päckchen mit wunderbarem Duft.
"Fröhliche Weihnachten" konnte ich darauf lesen.
"Danke schön", sagte ich leise.
"Gern geschehen", hörte ich die leise Antwort.
A.H. am 21.12.2008